Meine Wörter und Worte für das Jahr 2020

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Vielleicht habe ich Sprache schon geliebt, bevor ich zum ersten Mal einen Menschen geliebt habe. Diese Einleitung mag gänzlich falsch sein, wer weiß das schon, aber sie ist hoffentlich trotzdem guter Clickbait für diesen Mehr-oder-weniger-Jahresrückblick.

Manch einem wird es komisch vorkommen, ein solches Schicksalsjahr an einer teilamputierten Handvoll Wörter festzumachen. Mich hingegen haben schon immer sprachliche Erkenntnisse erheitert, die keinerlei Strahlkraft auf das „richtige“ Leben haben. (Wie, beispielsweise, verhält sich ein Mensch in der ß-freien Schweiz, wenn er angehalten ist, alkoholische Getränke „in Massen“ zu konsumieren?!?) Und schon immer habe ich mich nur zu gern in eifrige, langwierige Rage über vermeintliche (und oft tatsächliche) sprachliche Kleinigkeiten geredet.

In diesem Jahr haben mich drei Wörter ganz besonders bewegt. Nicht, weil ich sie außerordentlich schön finde oder sie auch nur sonderlich gut zu den Themen passen, mit denen ich sie persönlich verbinde. Vielmehr habe ich in sie jene Gedanken gepresst, die ich anderweitig nicht treffend zu formulieren vermochte, habe sie zu Rettungsringen auserkoren, auf dass ich nicht in der großen Unerträglichkeit dieses Jahres versinke, mir in manchen Situationen nicht mehr über mein eigenes Denken im Klaren zu sein.

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Unwirtlichkeit“, schon fast onomatopoetisch karg und abweisend, spukte mir auf dem Olymp in der Ödnis oberhalb der Baumgrenze in endloser Dauerschleife durch den Kopf – für mehrere, offenbar kognitiv nur noch auf Sparflamme laufende Stunden.

Für mich macht der Begriff eine wichtige Erfahrung greifbar, die Erkenntnis über meinen eigenen Platz in der Welt, und ultimativ aber auch den der Menschheit als Ganzem.

Nun habe ich 2020 nicht in den Todeszonen meiner 14 Achttausender-Besteigungen oder im Kajak auf hoher See bei spontaner Atlantikquerung verbracht und möchte mir keinerlei Weisheit anmaßen. Und doch hatte das Unterwegs- und Ausgeliefertsein in dieser rauen Natur einen arkanen Effekt auf meine Weltsicht.

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Viel hat sich die Menschheit untertan gemacht; die Tierwelt, das Wetter, die Natur. Dennoch werden einige Realitäten, zum Beispiel die der Berge, für immer monolithische Denkmäler unserer Grenzen bleiben. Man mag argumentieren – die Baumgrenze: bezwungen. Die Schneegrenze: bezwungen. Die Todeszone: bezwungen, zumindest flüchtig.

Und doch sind wir hier nur noch zu Gast in einer Umgebung, die uns nicht willkommen heißt, sondern höchstens duldet. Nach den ersten 2.000 Metern überlebt kein Baum mehr, ein wenig später vermag das Eis übers ganze Jahr hinweg nicht mehr seinen Aggregatzustand zu verlassen, und ab 8.000 Metern Höhe stirbt, langsam, aber unaufhaltsam, unser menschlicher Körper. Sich hier aufzuhalten, ist Hybris, und manche, vor allem ihre Angehörigen, bezahlen teuer dafür.

Das Wort „Hybris“ ist mir ein treuer Begleiter. Es ist kein allzu revolutionäres Wort, hat es seinen Ursprung doch bereits in alten griechischen Tragödien. Für mich macht es verschiedene, wenig trennscharfe Formen von Selbstüberschätzung, Anmaßung und Hochmut greifbar.

Das scheidende Jahr 2020 hat in mir ein neues Bewusstsein darüber geschaffen, was selbstverständlich ist und was nicht. Selbstverständlich ist: nicht wirklich viel. Das 20. Jahrhundert hat uns beispiellose zivilisatorische Errungenschaften beschert, die uns gleichzeitig aber auch haben vergessen lassen, dass sie eben genau das sind: zivilisatorische und als solche menschengemachte Errungenschaften, keine Naturgesetze.

Diese langjährige kollektive Hybris hat uns das Jahr 2020 schmerzhaft vor Augen geführt, und zwar durch einen derart grundlegenden Wegbruch von Selbstverständlichkeiten, wie es ihn, würde ich behaupten, noch nie aus solcher Fallhöhe gegeben hat. Auf ökonomischer, logistischer, freiheitlicher Ebene: bestimmt. Der höchstpersönliche, direkte individuelle Kontakt jedoch wurde nie so weitreichend aberkannt.

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Für diesen kollektiven traumatischen Prozess, den uns das letzte Jahr auferlegt hat, habe ich das Wort „Erosion“ herangezogen. Mit seiner ursprünglichen Bedeutung hat das wenig zu tun, schließlich kommt es aus der Geologie und nicht aus der Psychologie, aber wer will mich aufhalten? Ich sage dem x-ten Hinweis und vollumfänglichen Verfehlungsbewusstsein zum Trotz auch immer noch „der“ Brezel. (Danke, Eltern.)

Erodiert sind im Jahr 2020 gleichermaßen Konzepte des Alltags, der Nähe und der Solidarität – allesamt in vielschichtigen Beziehungen.

So wurden große und kleine alltägliche Routinen und Mechanismen nicht nur in ihrer Form, sondern sogar in ihrer generellen Existenz infrage gestellt: das Pendeln ins Büro, das Händeschütteln, das Einkaufengehen, der Aufenthalt im Freien, das zuhause Ankommen, das Reisen, die Gründlichkeit des Händewaschens und vieles mehr.

Vorher doch überwiegend positiv perzipiert, hat auch die Nähe zu anderen Menschen eine 180°-Wende hingelegt: körperliche, schon räumliche Nähe als lauernde Gefahr unbekannten Ausmaßes, unbescholtene Mitmenschen im öffentlichen Raum nicht mehr nur friedliche Koexistenzen, sondern potentielle Schergen Hades’.

Schier unmöglich zu verinnerlichen, meiner Meinung nach, hat das scheinbare Paradoxon der Nähe durch Distanz eine Erosion der Solidarität losgestoßen. Nicht, dass Solidarität gänzlich eingebrochen wäre, nur ihre Form haben wir grundlegend überdenken müssen.

All diese Erosionen haben einen anhaltenden Konflikt hervorgerufen zwischen dem Habitualisierten, auch emotional Verinnerlichten und der notwendigen kühlen Rationalität; einen Konflikt, der so grundlegend kontraintuitiv ist, dass ich noch ein Dreivierteljahr später Schwierigkeiten habe, ihn zu sortieren.

Gerade in der Zeit im März, als die Ereignisse sich überschlugen und eine sichere Einschätzung von zentraler Bedeutung gewesen wäre, fiel es mir schwer, die nicht endende Flut von Nachrichten sinnvoll zu komprimieren und daraus eine klare Handlungsperspektive zu entwickeln. Ich stand kurz vorm Ausrufen des sächsischen Lockdowns vor der ziemlich brenzligen Abwägung, ob das Restrisiko einer möglichen symptomlosen Infektion niedrig genug wäre, um in die Heimat zu fahren. Keine noch so kopfzerbrecherische Deliberation half, ich konnte diese Frage nicht ausreichend beantworten und entschied mich gegen meinen starken emotionalen Impuls.

Solidarität, als humanistischer Auftrag und für mich unabdingbares Gut einer funktionierenden Gesellschaft, steht auf der einen Waagschale – und auf der anderen die individuelle Freiheit und das eigene psychologische Wohlbefinden. Wie weit sind wir bereit, uns für das fluktuative Konzept Gesellschaft zu opfern? Ich stehe hinter der Entscheidung, im März in Leipzig zu bleiben, aber dass ich sie noch einmal treffen würde, kann ich beileibe nicht garantieren.

Nicht nur auf der individuellen Ebene gibt es nun also eine Nähe-Distanz-Disparität, sondern auch auf kollektiver. Solidarität ist nicht mehr in einer weitgehend nonintrusiven Form möglich, sondern erfordert schwerwiegenden individuellen Verzicht.

Noch immer schwimmen wir, befinden wir uns in einer fragilen Situation, die jederzeit umschwingen kann. Ich sehe die Corona-Zeit als Lackmus-Test – für die Gesellschaft als Ganzes und für das Individuum.

Das Pandemie testet den Charakter, die Stärke der eigenen Werte, exponiert aber auch unmissverständlich die kognitiven und emotionalen Grenzen jedes Einzelnen. Und sie offenbart die Hybris einer Globalisierung, in der auf dem Weg in die weltweite Wohlfahrt die Augen starr auf das Positive gerichtet und die lauter werdenden Mahnungen und Kassandrarufe ignoriert wurden.

So bringen die Vorzüge der Industrialisierung auch eine Schattenseite mit sich, die in diesem Jahr schmerzhaft deutlich geworden ist. Den Auftakt ins Jahr machten die schon fast vergessenen Waldbrände in Australien, eine unzweifelhafte Folge des Klimawandels, und das nächste und fortan dominierende Thema des Jahres ist eine Zoonose, eine aus dem Tierreich übertragene Viruskrankheit. In meiner fachlich unqualifizierten Einschätzung ist das diesjährige Coronavirus ebenfalls ein klares Symptom menschlicher Hybris, jener nämlich der Inkaufnahme maßloser Massentierhaltung, mangelnder Hygienestandards und kontinuierlicher Klimaerwärmung im Dienste einer unbarmherzigen, unaufhaltsamen Effizienz- und Profitsteigerung.

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Der Begriff „Schicksalsjahr“ ist mit Blick auf 2020 oft gefallen. Dabei geht es meist um das schiere Ausmaß, die Magnitude der Ereignisse (schon wieder ein fehlplatzierter Begriff aus der Geologie, juhu). Ich würde sogar noch weiter gehen.

2020 hat uns den Spiegel unserer Hybris vorgehalten und uns vor verschiedene Fragen gestellt: In welcher Form können und wollen wir als Gesellschaft in Zukunft leben? Wie gehen wir mit Menschen um, die sich aus dem Postulat der Solidarität ausklinken?

Schon für viel zu lange Zeit hinkt die soziale Realität dem Normativ hinterher. Darauf hat 2020 schmerzhaft deutlich die Lupe gelegt. Warum wurden die unzähligen finanziellen Schicksale seit dem März nicht genutzt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen auf Probe zu instituieren? Wie können wir Sorge dafür tragen, dass die Kluft zwischen den politischen Lagern nicht unaufhaltsam weiter auseinanderdriftet?

Die Krise der Globalisierung bringt auch eine der Digitalisierung mit sich – die Basis jedes potentiell nützlichen Diskurses ist für mich zunächst eine vertrauenswürdige, gemeinsame Faktenbasis für alle Beteiligten. Indem digitale Formate den Aufbau von Filterblasen nicht mehr nur für Meinungen, sondern auch für die zugrundeliegenden Fakten begünstigen, verhärtet sich der gesellschaftliche Konflikt.

Dabei sind gemeinsame Fakten, Transparenz, diskursive Gleichberechtigung und das Streben nach einem möglichst breiten Konsens essentielle Mandate für die Bewältigung dieser Pandemie und für die kollektiven Herausforderungen unserer Zeit. Schaffen wir es nicht, sie zeitnah umzusetzen, steht uns ein gesellschaftlicher Erosionsprozess ungekannten Ausmaßes bevor, der Auswirkungen auf die Umwelt und unseren Lebensraum, auf die Demokratie und unsere Gesellschaft, und auf die technologischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte und unseren Alltag haben wird.

Unsere Aufgabe ist es, dafür zu streiten, uns informiert zu halten und gegenseitig zu informieren. Und dabei niemanden aus den Augen zu verlieren. Gerade auch um diejenigen geht es, mit denen wir eigentlich nicht gern reden möchten. Denn ich bin überzeugt: Wo alle Fakten auf dem Tisch liegen, ist Humanismus unvermeidbar.

Kommt gut ins neue Jahr.